Innendämmung im Bestand: was die WTA verlangt
Durch diesen Beitrag springen
Außen dämmen ist bauphysikalisch der einfachere Weg. Nur ist er oft versperrt — durch Denkmalschutz, durch eine Klinkerfassade, durch das Nachbargrundstück oder schlicht durch die Eigentümerversammlung. Dann bleibt die Innendämmung. Sie funktioniert, aber sie verzeiht deutlich weniger, und das hat einen benennbaren Grund.
Was sich beim Dämmen von innen umkehrt
Bei einer Außendämmung liegt die tragende Wand auf der warmen Seite der Dämmebene. Sie bleibt temperiert, speichert Wärme und trocknet nach innen ab.
Bei einer Innendämmung liegt sie auf der kalten Seite. Daraus folgen drei Dinge zwangsläufig:
- Die Wand wird kälter als vorher. Das ist keine Nebenwirkung, sondern der Zweck: Der Wärmestrom aus dem Raum wird gebremst, also kommt weniger davon in der Wand an.
- Die Trocknungsreserve nach innen entfällt weitgehend. Feuchte, die früher in den Raum abtrocknen konnte, muss nun einen anderen Weg finden.
- Die Speichermasse ist vom Raum abgekoppelt. Der Raum heizt schneller auf und kühlt schneller aus.
Der kritische Punkt ist die Grenzfläche zwischen Dämmung und Bestandswand. Dort ist es kalt, dort kommt Wasserdampf aus dem Raum an, und dort kann er kondensieren — unsichtbar, hinter der Bekleidung.
Die WTA hat dafür ein eigenes Regelwerk
Die Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege führt zwei aufeinander bezogene Merkblätter:
- WTA-Merkblatt 6-4, „Innendämmung nach WTA I: Planungsleitfaden“, Ausgabe 10.2016
- WTA-Merkblatt 6-5, „Innendämmung nach WTA II: Nachweis von Innendämmsystemen mittels numerischer Berechnungsverfahren“, Ausgabe 2014
Der Aufbau ist zweistufig und praxisnah gedacht. Merkblatt 6-4 beschreibt ein vereinfachtes Nachweisverfahren mit klar benannten Randbedingungen, die eingehalten werden müssen. Wer innerhalb dieser Randbedingungen bleibt, kommt ohne Simulation aus.
Wer sie verlässt — höhere Dämmschichtdicken, diffusionsoffene Systeme, ungewöhnliche Konstruktionen —, braucht den Weg über Merkblatt 6-5: eine Simulation des gekoppelten Wärme- und Feuchtetransports nach den WTA-Merkblättern 6-1 und 6-2, mit den in 6-5 formulierten Randbedingungen und Bewertungskriterien für das Ergebnis.
Der Punkt, den man aus diesem Aufbau mitnehmen sollte: Ein feuchtetechnischer Nachweis ist bei Innendämmung nicht optional. Ohne ihn lässt sich nicht beurteilen, ob die Konstruktion Folgeschäden erzeugt.
Was vor der Planung geklärt sein muss
Die Bestandsaufnahme entscheidet über Erfolg und Misserfolg, und sie ist bei Innendämmung umfangreicher als bei einer normalen Beschichtung.
| Zu klären | Warum |
|---|---|
| Schlagregenbeanspruchung der Fassade | Eine Wand, die von außen durchnässt wird, trocknet nach der Innendämmung schlechter ab |
| Zustand von Fugen, Putz und Anschlüssen | Jede Undichtigkeit wird durch die kältere Wand kritischer |
| Aufsteigende Feuchte im Sockel | Muss vorher gestoppt sein, sonst wandert sie in die Dämmebene |
| Einbindende Bauteile: Decken, Innenwände, Balkonplatten | Dort entstehen die Wärmebrücken, die die Innendämmung nicht mit erfasst |
| Holzbalkenköpfe in der Außenwand | Der klassische Schadensfall — der Balkenkopf liegt nach der Maßnahme kälter |
| Nutzung und Feuchteanfall im Raum | Bad, Küche und Schlafzimmer haben andere Randbedingungen als ein Büro |
Der Holzbalkenkopf verdient eine eigene Zeile, weil er der häufigste ernste Schaden ist. In vielen Altbauten liegen die Deckenbalken in Taschen der Außenwand. Nach einer Innendämmung liegt dieser Bereich kälter und feuchter als vorher — mit einem Bauteil aus organischem Material mittendrin. Die Detailplanung dieser Stelle gehört zu jeder Innendämmungsplanung dazu.
Wärmebrücken werden nicht kleiner, sondern sichtbarer
Eine Innendämmung dämmt die Fläche, nicht die Anschlüsse. Wo eine Innenwand oder eine Geschossdecke in die Außenwand einbindet, bleibt eine ungedämmte Verbindung zur kalten Seite bestehen.
Das Ergebnis: Der relative Unterschied zwischen Fläche und Anschluss wächst. Die Fläche wird wärmer, der Anschluss bleibt, wo er war. Wenn vorher gleichmäßig verteilte Feuchte auf der ganzen Wand anfiel, sammelt sie sich hinterher an den wenigen kalten Stellen.
Genau dort greift das Kriterium aus DIN 4108-2: An der ungünstigsten Stelle der raumseitigen Oberfläche ist ein Temperaturfaktor fRsi ≥ 0,70 einzuhalten, was unter den Randbedingungen des Nachweises einer Mindest-Oberflächentemperatur von 12,6 °C entspricht. Wer die Fläche verbessert und den Anschluss vergisst, verschiebt das Problem, statt es zu lösen. Ausführlich dazu: Warum Schimmel keine Frage der Heizung ist.
Der Untergrund muss vorher stimmen
Für die Ausführung gilt derselbe Grundsatz wie bei jeder Beschichtungsarbeit — nur mit höherem Einsatz, weil eine Innendämmung nachträglich nicht mehr zugänglich ist. Der Untergrund muss trocken, fest und tragfähig sein; die baustellenüblichen Prüfungen dazu sind in BFS-Merkblatt Nr. 20 beschrieben, die Pflicht zur Bedenkenanmeldung in VOB/C ATV DIN 18363 Abschnitt 3.1.1 und VOB/B § 4 Abs. 3.
Wer hier abkürzt, verschließt den Fehler hinter einer Bekleidung. Details zum Prüfumfang: Untergrund prüfen: was der Betrieb schuldet — und was nicht.
Wo eine Innendämmung ihre Stärke hat
Bei aller Vorsicht — es gibt Konstellationen, in denen sie klar die richtige Wahl ist:
- Denkmalgeschützte oder gestalterisch gebundene Fassaden, bei denen außen nichts verändert werden darf.
- Selten genutzte Räume, die schnell warm werden sollen und nicht auf Speichermasse angewiesen sind.
- Einzelne Räume, wenn eine Gesamtmaßnahme wirtschaftlich oder eigentumsrechtlich nicht durchsetzbar ist.
- Beengte Grenzbebauung, wo außen schlicht kein Platz ist.
In allen vier Fällen gilt: Die Maßnahme steht und fällt mit der Planung der Anschlüsse und mit dem feuchtetechnischen Nachweis. Beides ist Aufwand vor dem ersten Handgriff — und beides ist billiger als der Schaden, den es verhindert.
Quellen
- WTA-Merkblatt 6-4, „Innendämmung nach WTA I: Planungsleitfaden“, Ausgabe 10.2016
- WTA-Merkblatt 6-5, „Innendämmung nach WTA II“, Ausgabe 2014, sowie die darin referenzierten Merkblätter 6-1 und 6-2 zum gekoppelten Wärme- und Feuchtetransport
- DIN 4108-2 — Mindestanforderungen an den Wärmeschutz, Temperaturfaktor fRsi
- DIN 4108-3 — Klimabedingter Feuchteschutz
- VOB/C ATV DIN 18363 Abschnitt 3.1.1 sowie VOB/B § 4 Abs. 3
- BFS-Merkblatt Nr. 20, „Baustellenübliche Prüfungen zur Beurteilung des Untergrundes“
Dieser Beitrag gibt den Stand der genannten Regelwerke wieder und ersetzt weder eine Planung noch eine Rechtsberatung. Maßgeblich ist im Einzelfall die jeweils gültige Fassung.