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Datenblatt lesen: was V- und W-Klassen wirklich sagen

Auf dem Datenblatt einer Fassadenfarbe steht „V1, W3 nach DIN EN 1062-1″. Das klingt nach bestandener Prüfung. Es ist aber keine — es ist eine Einordnung, und zwar eine, deren Zählrichtung bei den beiden Kennwerten gegenläufig ist. Wer das nicht weiß, liest ein Datenblatt falsch herum.

Die Einteilungsnorm stellt keine Anforderung

Die DIN EN 1062-1 (Ausgabe 2004-08) ist eine Einteilungsnorm. Sie beschreibt ein Raster, in das sich Beschichtungsstoffe für Außenwände einsortieren lassen: Glanz, Trockenschichtdicke, Korngröße, Wasserdampf-Diffusionsstromdichte, Wasserdurchlässigkeit, Rissüberbrückung, CO₂-Durchlässigkeit.

Sie sagt aber an keiner Stelle, welche Klasse an einer bestimmten Wand nötig ist. Die Angabe „W3″ bedeutet deshalb nicht „geeignet“, sondern nur „gemessen und eingeordnet“.

Was tatsächlich gefordert wird, steht in einer anderen Norm: der DIN 4108-3, aktuelle Ausgabe 2024-03. Erst sie verknüpft die Beanspruchung eines Gebäudes mit einem Zahlenwert, der eingehalten werden muss.

Zwei Klassen, zwei Richtungen

Die Wasserdampf-Diffusionsstromdichte V beschreibt, wie gut Feuchte durch die Beschichtung nach außen entweicht:

Klasse Durchlässigkeit Diffusionsstromdichte entspricht sd
V1 hoch > 150 g/(m²·d) < 0,14 m
V2 mittel ≤ 150, > 15 g/(m²·d) ≥ 0,14, < 1,40 m
V3 niedrig ≤ 15 g/(m²·d) ≥ 1,40 m

Die Wasserdurchlässigkeit W beschreibt, wie viel Flüssigwasser bei Schlagregen eindringt:

Klasse Durchlässigkeit Wasseraufnahmekoeffizient
W1 hoch > 0,5 kg/(m²·h0,5)
W2 mittel ≤ 0,5, > 0,1 kg/(m²·h0,5)
W3 niedrig ≤ 0,1 kg/(m²·h0,5)

Beide Klassennummern beschreiben dasselbe: die Höhe der Durchlässigkeit. Nur ist viel Wasserdampfdurchlässigkeit erwünscht und viel Wasserdurchlässigkeit nicht. Daraus folgt die Falle:

  • V1 ist die beste Diffusionsklasse — die Wand trocknet gut ab.
  • W1 ist die schlechteste Regenschutzklasse — die Wand saugt.

„V1, W1″ ist also keine Doppel-Bestnote, sondern eine Beschichtung, die Feuchte gut durchlässt — in beide Richtungen.

Was die DIN 4108-3 verlangt

Die Norm ordnet jedes Gebäude einer von drei Schlagregen-Beanspruchungsgruppen zu, im Kern nach der Jahresniederschlagsmenge: Gruppe I unter 600 mm, Gruppe II von 600 bis 800 mm, Gruppe III über 800 mm. Eine Übersichtskarte mit Daten des Deutschen Wetterdienstes liefert den Ausgangswert.

Zwei Regeln daneben werden regelmäßig übersehen, obwohl sie die Karte schlagen:

  • Die Gebäudegeometrie hebt die Gruppe an. Hochhäuser und Gebäude in exponierter Lage rücken eine Stufe nach oben, unabhängig vom Regionalklima.
  • Im Zweifel gilt die höhere Gruppe. Die Norm formuliert das ausdrücklich: Geht die Gruppe aus der Karte nicht klar hervor, ist der höhere Wert anzunehmen.

Für die Gruppen II und III verlangt die Norm einen wasserabweisenden Außenputz. Und „wasserabweisend“ ist exakt definiert — durch drei Werte gleichzeitig:

Kenngröße Grenzwert
Wasseraufnahmekoeffizient w ≤ 0,5 kg/(m²·h0,5)
Diffusionsäquivalente Luftschichtdicke sd ≤ 2,0 m
Produkt w · sd ≤ 0,2 kg/(m·h0,5)

Die drei Werte sind gekoppelt — und das ändert alles

Diese Grenzwerte sind unter dem Namen Künzel-Kriterien bekannt; sie gehen auf Untersuchungen von 1968 am Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Holzkirchen zurück. Der Name beschreibt nur die Herkunft: Es sind keine Kriterien neben der Norm, sie stehen wörtlich in ihr. Formulierungen wie „erfüllt zwar nicht die Norm, aber die Künzel-Kriterien“ sind sinnlos.

Entscheidend ist das dritte Kriterium. Das Produkt verhindert, dass die beiden Einzelgrenzwerte gleichzeitig ausgeschöpft werden:

  • Wer w = 0,5 voll ausnutzt, darf höchstens sd = 0,4 m haben — nicht 2,0 m.
  • Wer sd = 2,0 m ausnutzt, darf höchstens w = 0,1 haben — nicht 0,5.

Daher rührt die scheinbare Widersprüchlichkeit in der Literatur, wo man mal „sd ≤ 2 m“ und mal „sd ≤ 0,4 m“ liest. Beides ist richtig; es sind zwei Punkte derselben Kurve.

Dahinter steht eine bauphysikalische Logik, die es wert ist, verstanden zu werden: Eine Beschichtung mit höherer Wasseraufnahme ist nicht automatisch schlecht — solange das eingedrungene Wasser nach dem Regen schnell wieder heraus kann. Bewertet wird die Bilanz aus Aufnahme und Abgabe, nicht die Aufnahme allein.

Vier Dinge, die ein Datenblatt nicht sagt

Die Prüfverfahren sind nicht dieselben. Die DIN 4108-3 verlangt w nach DIN EN ISO 15148 und sd nach DIN EN ISO 12572. Datenblätter von Beschichtungen weisen typischerweise w nach DIN EN 1062-3 und sd nach DIN EN ISO 7783 aus. Die Verfahren unterscheiden sich in Probekörper, Untergrund und Prüfdauer. In der Praxis werden die Werte gleichgesetzt — normstreng ist das nicht.

Der sd-Wert hängt an der Schichtdicke. Er skaliert proportional: doppelte Trockenschichtdicke, doppelter sd-Wert. Der Datenblattwert gilt für die dort genannte Prüfschichtdicke. Wer satter aufträgt oder eine dritte Lage setzt, verlässt den geprüften Zustand — und auf einer Altfassade addieren sich vorhandene Anstriche ohnehin dazu.

Es gibt zwei Auswerteformeln. Die DIN EN ISO 7783 enthält zwei Wege, aus derselben Messung den sd-Wert zu berechnen. Ein Prüfbericht des Instituts für Lackprüfung Andreas Keiner dokumentiert für dasselbe Produkt 0,227 m nach der einen und 0,421 m nach der anderen Formel — Faktor 1,9. Bei Produkten nahe der V1/V2-Grenze von 0,14 m kann die Wahl der Formel über die Klasse entscheiden.

Die Kriterien gelten dem Aufbau, nicht der Farbe. Die Norm spricht von „Putzen und Beschichtungen“ als regenschützender Schicht. Maßgeblich ist, was an der Wand steht: Putz plus Anstrich plus Altbeschichtungen. Ein Anstrich, der isoliert w ≤ 0,5 erreicht, sagt für sich wenig über den Gesamtaufbau.

Vorsicht bei zwei verbreiteten Angaben

„Diffusionsoffen“ ist kein normierter Begriff. Es gibt keine technische Festlegung. Manche Anbieter nennen sd < 1 m diffusionsoffen, andere sd < 2 m. Belastbar ist nur die V-Klasse oder ein sd-Zahlenwert mit Angabe der Prüfschichtdicke. Für „atmungsaktiv“ gilt dasselbe.

Sehr kleine sd-Werte sind Rauschen. Angaben im Bereich von 0,01 m liegen in der Größenordnung des Messfehlers. Wer Überlegenheit mit sd = 0,01 statt 0,02 m begründet, argumentiert innerhalb der Messunsicherheit.

Und eine Warnung zur Quellenlage: Die frei zugängliche Wiedergabe der DIN 4108-3 auf umwelt-online.de führt für das Produkt w · sd den Wert „< 2,0″ statt korrekt ≤ 0,2 — offenbar aus der Nachbarspalte verrutscht. Der Fehler beträgt den Faktor 10 und macht jede darauf gestützte Beurteilung wertlos. Die Seite wird in Foren häufig verlinkt.

Quellen

Die Klassentabellen für V und W sind einem Prüfbericht des Instituts für Lackprüfung Andreas Keiner GmbH entnommen, der sie als Einstufungsgrundlage wörtlich abdruckt. Die Angaben zu Beanspruchungsgruppen und zu Tabelle 6 stammen aus dem Volltext der DIN 4108-3:2018-10. Die aktuelle Ausgabe ist 2024-03; ihre veröffentlichten Änderungshinweise betreffen das Periodenbilanzverfahren und einen neuen Abschnitt zu Bodenplatten, nicht das Schlagregenkapitel. Eine Änderung der Tabelle 6 ist damit unwahrscheinlich, aber nicht am Originaltext der Ausgabe 2024-03 gegengeprüft.

Nicht behandelt sind hier die Klassen für Glanz und CO₂-Durchlässigkeit: Für beide ließen sich die Zahlengrenzen nicht aus einer belastbaren Quelle bestätigen. Lieber eine Lücke als eine plausible Zahl.